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„Wir brauchen eine geplante, kollektive Arbeitszeitverkürzung“

 

Der Ökonom Heinz Bontrup beklagt eine „schöngerechnete Arbeitslosenstatistik“. Wachstum alleine reiche nicht, um die Massenarbeitslosigkeit zu überwinden.

Aachen. Arbeitszeitverkürzung – ein Thema von gestern? Nein, sagt Heinz Bontrup. Der Wirtschaftswissenschaftler sieht darin den einzigen Weg, die Massenarbeitslosigkeit in Deutschland abzubauen.Herr Bontrup, laut Statistik der Bundesagentur für Arbeit gibt es in Deutschland derzeit 2,7 Millionen Arbeitslose. Die Bundesregierung bejubelt ein Beschäftigungswunder. Sie auch?


Bontrup: Es gibt überhaupt keinen Grund zum Jubeln. Wir haben Massenarbeitslosigkeit im Land. Allein die ausgewiesenen offiziellen Zahlen belegen dies schon. Hinzu kommen statistische Schönrechnereien. So zählt man 150 000 Ein-Euro-Jobber und 350 000 Menschen, die älter als 58 Jahre sind und Arbeitslosengeld I oder Hartz-IV beziehen, nicht zu den Arbeitslosen. Auch die rund 160 000 Arbeitslosen, die sich in einer Weiterbildung befinden, werden nicht mitgezählt. Insgesamt werden eine Million Arbeitslose in der offiziellen Arbeitslosenzahl nicht genannt. Hinzu kommen noch über zwei Millionen Teilzeitbeschäftigte, die gerne Vollzeit arbeiten würde, aber keine entsprechende Vollzeitstelle finden. Wenn sie dann noch den Lohn ins Spiel bringen, dann reicht dieser selbst bei vielen Vollzeitbeschäftigten ohne staatliche Unterstützung nicht zum Leben. Die Arbeitsmärkte sind also in einem katastrophalen Zustand. Wer da jubelt, leidet unter Realitätsverlust.


Trotzdem werden immer wieder Stimmen laut, die eine Vollbeschäftigung in Aussicht stellen.


Bontrup: Das kann ich überhaupt nicht nachvollziehen. Seit circa 35 Jahren gibt es in Deutschland keine Vollbeschäftigung mehr

 …aber es heißt doch, in Deutschland herrsche Fachkräftemangel.


Bontrup: In einigen regionalen Teilarbeitsmärkten mag es eine Verknappung von Arbeitskräften geben. Aber von einem generellen Fachkräftemangel zu reden, ist völliger Unsinn. Was ist überhaupt eine Fachkraft? Dies müsste man erst einmal definieren. In Deutschland arbeiten derzeit rund 12,5 Millionen Menschen Teilzeit. Ihre Durchschnittsarbeitszeit liegt bei circa 15 Stunden pro Woche. Zu 80 Prozent sind davon Frauen betroffen. Unter ihnen gibt es Millionen von qualifizierten Fachfrauen. Wie wäre es, wenn die klagenden Unternehmer diesen Frauen eine Vollzeitstelle anbieten?

Warum reden Arbeitgeberverbände und Teile der Politik trotzdem von einem Mangel an Fachkräften?


Bontrup: Ganz einfach. Sie bauen vor, weil sie aufgrund einer absehbaren Alterung der Gesellschaft mit zukünftigen Verknappungen rechnen, die die Löhne und Gehälter von Fachkräften ansteigen lassen. Dies wollen sie nicht.
Welche Folgen hat die Zahl der Arbeitslosen für die deutsche Volkswirtschaft?

Bontrup: Zunächst einmal ist Arbeitslosigkeit für den einzelnen Betroffenen schlimm. Er verliert sein Einkommen und sein soziales Umfeld, er leidet. Arbeitslose zahlen keine Steuern und müssen durch ein Sozialsystem alimentiert werden. Die fiskalischen Kosten nur der letzten Jahre lagen im Durchschnitt bei etwa 80 Milliarden Euro. Hätten wir eine Vollbeschäftigung gehabt, wäre übrigens so gut wie keine Staatsverschuldung entstanden.

Muss sich die Gesellschaft denn mit Massenarbeitslosigkeit abfinden?


Bontrup: Überhaupt nicht. Allerdings bekommen wir sie nicht allein durch Wachstum in den Griff. Wer so etwas fordert, weiß nicht, wovon er redet.


Warum?


Bontrup: Seit der deutschen Wiedervereinigung lag die reale Wachstumsrate um 0,3 Prozentpunkte unterhalb der Produktivitätsrate. Das Arbeitsvolumen ging dadurch entsprechend zurück. Will man nur über Wachstum die Massenarbeitslosigkeit bekämpfen, müsste die reale Wachstumsrate die Produktivitätsrate weit übersteigen. Das ist völlig unrealistisch und zudem ökologisch nur schwer verkraftbar. Nein, die Devise muss lauten: Wir brauchen eine geplante, kollektive Arbeitszeitverkürzung.


Wie soll das genau funktionieren?

Bontrup: Wir haben gerechnet, dass über einen Zeitraum von fünf Jahren die Arbeitszeit der Vollzeitbeschäftigten um fünf Prozent pro Jahr auf eine 30-Stunden-Woche reduziert werden müsste. Unter Berücksichtigung von zwei Millionen Teilzeitbeschäftigten, die gerne Vollzeit arbeiten wollen, entstünde so ein zusätzlicher Bedarf von 4,1 Millionen Arbeitskräften.
Geht das bei vollem Lohnausgleich?


Bontrup
: Nein. Die Arbeitszeitverkürzung übersteigt mit angenommenen fünf Prozent die erwartete Produktivitätsrate von zwei Prozent um drei Prozentpunkte. Damit die Stückkosten der Unternehmen konstant bleiben, müssen die Gewinne der Unternehmer sinken. Das ist aber vor dem Hintergrund der viel zu hohen Gewinnquote in Deutschland kein Problem. Zudem legt man damit eine der Hauptquellen der Finanzspekulationen und Finanzkrisen trocken.
Das Thema Arbeitszeitverkürzung stand bis in die 80er Jahre hinein auf der politischen Agenda. Warum ist die öffentliche Diskussion darüber in den vergangenen Jahren weitgehend verstummt?

Bontrup: Die Gewerkschaften konnten vor dem Hintergrund der Massenarbeitslosigkeit in der Vergangenheit den verteilungsneutralen Spielraum nicht mehr durchsetzen. Die Arbeitsnehmer mussten Realeinkommensverluste hinnehmen. Da ist klar, dass sie mehr auf Lohnerhöhungen als auf Arbeitszeitverkürzungen setzen. Damit entsolidarisieren sich aber die Noch-Beschäftigten mit den Arbeitslosen. Am Ende arbeiten die Beschäftigten für noch weniger Lohn noch länger als heute. Auch sie sind die Verlierer und die Arbeitgeber die vermeintlichen Gewinner.

 Mi, 7. Dez. 2011
Aachener Nachrichten, von Joachim Zinsen

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